Angeregt durch den Forumsbeitrag von Herrn Hoffmann im Schneidforum

„Besser „Industrie 3.0“ in der Hand, als „Industrie 4.0″ auf dem Dach!“

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will ich, als langjähriger Technischer Leiter* eines Zuschnittbetriebes, gerne meine Erfahrungen zur Digitalisierung im Zuschnittbetrieb mit umfangreicher Anarbeitung weitergeben.

Das Digitalisierungs-Ziel des Unternehmens Mitte der 2000er war es, den Mitarbeitern an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen exakt die Informationen zur Verfügung zu stellen, die sie für eine reibungslose Ausführung ihrer Tätigkeit brauchen. Im Gegenzug sollten Vertrieb, Materialwirtschaft und Produktionsplanung & -Steuerung die Rückmeldungen aus der Werkstatt und dem Blechlager bekommen, die sie für eine schnelle Reaktion bei Fragen oder Problemen benötigen.

Digitalisierung also nicht primär für das Controlling der Prozesse, denn dies bringt den Kunden keine Vorteile. Sondern Digitalisierung, um den Auftragsdurchlauf „in time“ für jeden Mitarbeiter (und teilweise auch A-Kunden) transparent zu machen.

Überblick über Maschinenbelegung, Bearbeitungsfortschritt, Lagerbestand sowie Bearbeitungsstand der Anarbeitung und der kompletten Versandabwicklung, sollte das Ziel sein.

Diese bewusste Entscheidung zu einer kundenorientierten Digitalisierung war dem Unternehmen deswegen wichtig, weil es den Aufwand z.B. der Maschinendigitalisierung wesentlich beeinflusst. Alte Maschinen sollten nicht wegen der Digitalisierung ausgetauscht werden. Und selbst das Nachrüsten moderner Maschinen mit einer entsprechenden Maschinendatenerfassung MDE war teilweise zu kostenintensiv, bezogen auf den von einer MDE generierten Nutzen für diesen Zweck. Es wurden zwar testweise einzelne Schneidmaschinen mit einer MDE ausgerüstet, für die beabsichtigten Zwecke erwies sich diese Investition aber nicht als zielführend und wurde somit auch nicht adäquat genutzt.

Deswegen ist das Unternehmen zu der sinnvolleren Strategie übergegangen, alle Daten zu nutzen, die ohne viel Aufwand und ohne zu hohe Investitionskosten aus dem vorhandenen ERP- und Schachtel-System zur Verfügung stehen. Ergänzend werden nur die Arbeitsschritte per Barcode, QR-Code, Transponder o.ä. an- oder abgemeldet, die einen sinnvollen Beitrag zur Auftragstransparenz beisteuern, bzw. für weitere Planungen relevant sind.

Und das ist das Ergebnis:

Der Vertrieb hat den vollen Überblick über den Auftragsbestand mit zeitgleich mehr als 2000 Auftragspositionen, sowie Fertigungsstand jeder Position, Kapazitäten der Arbeitsplätze und Lagerbestand inkl. Blechkonturen und Reservierungen.

Der überwiegende Teil der zu schneidenden Konturen wird mit automatisch angelegter Schneidkontur an die Produktionsplanung & -Steuerung übergeben. Diese gibt die teilautomatisiert erstellten und eventuell optimierten Schachtel- bzw. Schneidpläne zur Fertigung frei. Die freigegebenen Fertigungsaufträge werden im Lager, an den Maschinen und an den nachfolgenden Arbeitsplätzen angezeigt.

Die Arbeitsplätze wie CAD, Nesting, Lager, Schneiden, Transport, Anarbeitung usw. melden fertige Arbeitsgänge zurück. Einige wenige Arbeitsgänge werden wegen der Zeitermittlung, z.B. für Lohnarbeiten, komplett und detailliert an- und abgemeldet.

Der Versand weiß per Tracking wo sich die Teile in der Fertigung befinden, erstellt Ladelisten und löst den Lieferschein aus. Je nach Kundenwunsch inkl. Zeugnissen und eMail-Benachrichtigung an Kunden oder intern.

Die Materialwirtschaft kennt durch eine zeitnahe Rückmeldung der (Rest-)Blechkonturen den aktuellen Blechbestand inkl. der angefallenen Rest-Ausschnitte.

Weitere sich daraus ergebende positiven Nebeneffekte lassen sich gar nicht alle aufzählen, wie z.B. Vereinfachung der Zeugnisverwaltung und Abnahmen, vorausschauende Personalplanung auf Grund geschickter Datenauswertung, weitgehendst papierlose Prozesse, Rückfragen zu Änderungen oder Terminen direkt in den Positionen, Aufkleber-Erstellung an den Maschinen, permanente Inventur des Lagers und des Auftragsbestandes uvm.

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So konnte mit überschaubarem Aufwand und einem zum Teil alten Maschinenpark eine sehr effektive Digitalisierungs-Strategie umgesetzt werden.

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Was bedeutet das für zukünftige Digitalisierungs-Projekte?

Auf Grund dieser genialen Erfahrungen und bei dem Austausch mit anderen Unternehmen haben sich für mich ein paar Faktoren herauskristallisiert, die man bei der Digitalisierung nicht außer Acht lassen sollte:

1. Der Sinn und Nutzen der Digitalisierung muss klar sein. Wer nicht weiß, was er mit der Digitalisierung bezwecken will, sollte diese Überlegung unbedingt angehen. Digitalisierung ist kein Selbstzweck.

2. Das Unternehmen sollte genau überlegen, ob es das Projekt alleine durchführen kann und will. Die Kernkompetenz eines Zuschnittbetriebes bzw. eines Blechverarbeiters ist nicht die Digitalisierung. Entsprechend sind auch nicht immer die Möglichkeiten der Digitalisierung und deren Umsetzung bekannt. So ein Projekt kann schnell viel Zeit und noch mehr Lehrgeld kosten.

3. Aber Achtung, Berater oder Softwarefirmen haben nicht immer die nötigen operativen Kenntnisse aus der Blechverarbeitung oder dem Zuschnittbetrieb. Hier sollte man also genau hinschauen.

4. Den Mitarbeitern sollte man viel zutrauen. Alle (!) Mitarbeiter des Unternehmens ziehen zumeist mit viel Engagement mit, wenn sie aktiv in die einzelnen Teil-Projekte eingebunden werden. Zumindest habe ich es nie anders erlebt und wurde oft sehr positiv überrascht.

5. Konstruktive Konflikte aktiv angehen. Digitalisierung ist auch Reflexionsarbeit:

• Was machen wir wo, wann und wie lange?
• Warum machen wir das so?
• Was ist überflüssig und was stört die Strukturen und die Wirksamkeit?
• Wer macht was und wo wird manches doppelt und dreifach gemacht?

Hier sollte man mutig und konsequent eventuelle Unklarheiten, Konflikte und Missverständnisse anpacken. Es lohnt sich.

6. Das Projekt muss jemand im Unternehmen leiten, umsetzen und später betreuen. Manchmal hat man Talente für solch eine Aufgabe im Unternehmen und weiß es nicht. Also einfach mal nachfragen.

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Zum Schluss noch meine Antwort auf die Frage von Herrn Hoffmann im Forum:

„Welche Maßnahmen als erste ergreifen?“

Die 3 wichtigsten Maßnahmen sind aus meiner Sicht:
• Tun
• Tun
• Tun

Für alles gibt es Hilfe und Unterstützung und Beispiele. Nur der erste Schritt muss jedes Unternehmen selber machen, nämlich sich bewusst dazu entscheiden, mit der Digitalisierung zu beginnen……und es dann auch tun.

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Soweit meine persönliche Erfahrung aus dem operativen Bereich des Schneidbetriebes mit Digitalisierung.

Die Beschreibung war teilweise vielleicht etwas grob und lässt viele Fragen offen, wer mehr Details wissen möchte, kann mich gerne ansprechen.

Johannes Steinbrück

 

*Heute bin ich in diesem Unternehmen nicht mehr tätig.