Wird das Rad in der Blechverarbeitung neu erfunden?

Geht es Ihnen auch manchmal so, dass Sie „Digitalisierung“ und „Industrie 4.0“ nicht mehr hören können? Überall so ein Hype um die Begriffe, dass man meinen könnte, das Rad stände kurz vor der Erfindung und niemand weiß genau, ob es Fluch oder Segen bringt.

Bleiben Sie ganz entspannt, das Rad wird nicht neu erfunden!

Was aber sicher ist: wer sich das Gute der heutigen Technologien nicht nutzbar macht, der wird morgen das Nachsehen haben. Das gilt aber nicht erst seit heute. Früher nannte man diese Optimierung der Wertschöpfungskette nur anders – Rationalisierung.

Es geht auch bei der Digitalisierung und Industrie 4.0 im klassisch wirtschaftlichen Sinne um die Verringerung der Gesamtkosten, damit die Erlöse steigen. Heute wie gestern.

Und doch ist heute einiges anders als früher, so dass Digitalisierung oder Industrie 4.0 zu sehr wertvollen und hilfreichen Werkzeugen werden können, wenn man sie sinnvoll einsetzt.

Heute muss nämlich mancher Blechverarbeiter unbedingt die Gesamtkosten verringern, um die Erlöse nicht (noch weiter) zu schmälern. Für den ein oder anderen kann dies durchaus zu einem existenziellen Problem werden.

Die Fertigungswelt hat sich verändert. Sie ist dynamischer und komplexer geworden. Die Zeiten, dass man mit ein und demselben Produktpalette Jahr ein, Jahr aus den Markt versorgen konnte sind vorbei.

Die Stückzahlen, die heute bestellt werden, verringern sich, bis runter zur Stückzahl 1. Es gehört bei vielen Blechverarbeitern schon zum Tagesgeschäft, dass vermehrt pro Auftrag ein Blech durch die Fertigung transportiert, aufgelegt, geschnitten und weiterverarbeitet wird. Früher wurden ganze Blechtafeln ausgeschachtelt, aber heute wird eben nur ein Teil bestellt und das soll auch noch am nächsten Tag geliefert werden. Teilweise mit Anarbeitung und Sonderwünschen.

Und danach werden diese Kombinationen aus Schneidteil, Anarbeitung, Blechgüte und Schneidverfahren nie wieder bestellt. Es gibt immer weniger Wiederholteile.

Mit anderen Worten: was man früher als „Schnellschuss“ „ausnahmsweise“ auf dem „kleinen Dienstweg“ gefertigt hat, das fertig man heute täglich – mehrfach.

Früher ist der Mehraufwand für solche gelegentlichen Sonderaufträge irgendwo in den Gemeinkosten untergegangen, haben alle Kunden mitbezahlt. Heute hat die Menge dieser „Sonderaufträge“ so zugenommen, dass die Umlage der Kosten auf alle Kunden nicht mehr zumutbar ist, sie werden es nicht bezahlen.

Nun könnte man meinen, man erhöht einfach den Preis für das Unikat. Ja, kann man mal machen, auf Dauer wird es aber nicht funktionieren. Weil der Wettbewerber diesen Mehrpreis nämlich nicht verlangt. Er muss es auch nicht, denn er ist organisatorisch, technologisch und digital so aufgestellt, dass er mit diesen Anforderungen des Marktes effektiver umzugehen weiß.

Die Anforderungen der Kunden werden immer komplexer und der Wettbewerber hat die passenden Ideen damit umzugehen. Der Wettbewerber hat Ideen entwickelt, wie er die Gesamtkosten senken kann, um die Erlöse zumindest auf dem Stand von vorher zu halten. Und er hat bestenfalls sogar Spaß an den Veränderungen, weil sie die Arbeit aller Mitarbeiter erleichtern. Und wenn er das konsequent weiterentwickelt, dann wird er die Erlöse vielleicht sogar steigern. Nennen wir es Rationalisierung, Digitalisierung, Industrie 4.0 oder wie auch immer.

Übrigens, Mitarbeiter hat er nicht verloren oder entlassen. Die braucht er nach wie vor, alle, mehr denn je.

Wenn ich auch dem Sprichwort „Stillstand ist Rückschritt“ nicht uneingeschränkt zustimme, so kann organisatorischer, technologischer und digitaler Stillstand in einer dynamischen Fertigungswelt mit ihren ständigen Überraschungen für den ein oder anderen tatsächlich zum Rückschritt werden.

Viel Spaß beim Weiterdenken.